Vorstandsmitglied Timo Grossenbacher für Swiss Press Award nominiert

Für die Recherche zum Thema Gesichtserkennung im Internet sind Timo Grossenbacher von Tamedia und Felix Michel von SRF für den Swiss Press Award nominiert.

So einfach ist es, eine Überwachungsmaschine zu bauen: Timo Grossenbacher, Projektleiter für automatisierten Journalismus bei Tamedia und Vorstandsmitglied bei investigativ.ch, sowie Felix Michel, Datenjournalist für SRF, haben in einem Experiment gezeigt, wie einfach Gesichtserkennung im Internet funktioniert.

Dafür haben sie von smartvote.ch die Portraitbilder aller Kandidierenden der eidgenössischen Wahlen 2019 heruntergeladen (inkl. Name, Kanton und Partei) und eine Gesichtserkennung mit öffentlichen Bildern der Social-Media-Plattform Instagram durchgeführt – dies durch eine im Internet frei verfügbare Technologie.

Das Resultat: Hunderte Personen konnten in den Bildern identifiziert werden. Gar schlecht beleuchtete Gesichter, die nicht frontal der Kamera zugewandt waren, konnten zuverlässig einer Person zugeordnet werden. Die Bilder zeigen Politikerinnen und Politiker etwa beim Biertrinken an der Street Parade oder beim Demonstrieren am Frauenstreik. (Link zum Beitrag)

Das Problem sei die Verletzung der Privatsphäre sowie das Risiko von Fehlzuordnungen, sagt Timo Grossenbacher: «Gesichtserkennung ist nichts anderes als die Anwendung von Statistik auf Bilder – sie bewegt sich immer im Wahrscheinlichen, nie im Sicheren.» Gleichzeitig sei es technisch immer noch viel zu einfach, massenhaft und unrechtmässig Daten von sozialen Netzwerken abzuzügeln. SRF Data hat nach dem Experiment die komplette Datenbank unwiderruflich gelöscht.

Nominierung Swiss Press Award

Dieser Beitrag von Grossenbacher und Michel wurde für den Swiss Press Award 2021 für die Kategorie Online nominiert. Am 28. April werden die Preise der Kategorien Text, Online, Audio, Video und Local verliehen. Die Gewinner erhalten je CHF 15’000. Die Preisverleihung kann am 28. April 2021 um 18 Uhr aus dem Berner Bundeshaus-Studio auf http://www.swisspressaward.ch live gestreamt werden.

Werkstattgespräch über Pestizid-Recherche

Donnerstag, 22.04.2021, 20 Uhr, auf Zoom

Fast alle sind sich einig, dass sich die Qualität der Schweizer Weine in den letzten Jahrzehnten enorm verbessert hat. Die Journalistin Marie Parvex (Le Nouvelliste) hat jedoch im Rahmen mehrerer Recherchen vor Ort aufgezeigt, dass in ihrem Kanton, dem Wallis, der Naturschutz nicht immer angemessen beachtet wurde. Trotz Warnungen über fehlende Sicherheitsabstände zwischen Biotopen und dem Besprühen von Reben, die bereits 2011 geäussert wurden, hat der Kanton erst kürzlich reagiert. Marie Parvex sprach mit Winzern sowie Kantons- und Bundesbeamten über den Stand der Schweizer Gesetzgebung und verglich sie mit derjenigen in Frankreich. Sie führte aber auch die erste Schweizer Befragung bei Anwohnerinnen und Anwohnern sulfatbehandelter Weinberge durch, von denen viele an Beschwerden wie Asthma, Nasennebenhöhlenentzündung oder Kopfschmerzen leiden.

Im Werkstattgespräch von investigativ.ch gibt Marie Parvex einen Einblick in ihre Recherche. Wir werden zudem auch über ihren Sieg vor dem Bundesverwaltungsgericht sprechen, welches ihr Recht gab gegen Swissmedic im Bezug auf den Zugang zu Berichten über Probleme mit Implantaten. Der Fall wurde nun ans Bundesgericht weitergezogen. Die Teilnehmenden haben die Möglichkeit, Fragen zu stellen.

Moderiert wird das Gespräch von investigativ.ch-Vorstandsmitglied Ariane Gigon. Das Gespräch findet auf Französisch statt.

Der Link zum Zoom-Gespräch.

Whois-Abfragen hinter Datenschutzmauer

Jede Recherche im Internet ist nur so gut, wie man dort auch die Quellen prüfen und verifizieren kann. Eine wichtige Datenbank dafür ist das Domainregister von SWITCH, wo alle Webseiten mit den Endungen «.ch» und «.li» aufgeführt sind – inklusive der Namen der HalterInnen der entsprechenden Webseiten. Diese liessen sich bis vor Kurzem durch eine einfache whois-Abfrage ausfindig machen. Doch seit diesem Jahr sind in diesem Register die Personennamen nicht mehr abrufbar.

Der Grund dafür ist eine Revision der Verordnung über Internet-Domains (VID), die am 1. Januar 2021 in Kraft trat. Neu sieht die Verordnung vor, dass nur noch jene Personen Einsicht in die Personennamen der Domain-HalterInnen erhalten, die ein «überwiegendes legitimes Interesse» glaubhaft machen können (Art. 46 Abs. 3 VID).

Das Problem für Journalisten und Journalistinnen besteht seither darin, dass SWITCH den neuen Artikel sehr eng auslegte. Gemäss SWITCH war ein «überwiegendes legitimes Interesse» nur dann gegeben, wenn jemand die Personennamen für ein gerichtliches Verfahren benötigte. Basierend auf dieser Auslegung hat SWITCH bisher sämtliche uns bekannten Gesuche von Journalistinnen und Journalisten abgewiesen und sie an die Strafverfolgungsbehörden oder andere staatliche Stellen verwiesen.

Investigativ.ch hat sich Ende Januar mit der Bitte ans BAKOM gewendet, SWITCH via Weisungen den Spielraum zu geben, auch journalistische Rechercheinteressen zu berücksichtigen. Das Schreiben haben zahlreiche Vereinigungen und Verbände mitunterzeichnet.  

Nach längeren Abklärungen hat das BAKOM nun mit einer erfreulichen Antwort auf unser Anliegen reagiert. Darin führt BAKOM-Direktor Bernard Maissen aus, wie sein Amt die unterschiedlichen Interessen abwägt (Datenschutz vs. Medienfreiheit) – und kommt zum Schluss:

«Bei den Personendaten in der RDDS-Datenbank (WHOIS) handelt es sich datenschutzrechtlich um keine besonders schutzwürdigen Daten. Wenn eine journalistische Recherche den Zugang zu Personendaten erfordert, dann stellt dies nach unserer rechtlichen Beurteilung ein legitimes Interesse nach Art. 46 Abs. 3 VID dar, das den Schutz der Halterin oder des Halters an den Daten überwiegt.»

BAKOM-DIREKTOR BERNARD MAISSEN

Das BAKOM unterstützt uns grundsätzlich darin, dass Journalistinnen und Journalisten im Rahmen ihrer Tätigkeit Zugang zu den Personennamen in der whois-Datenbank gewährt werden soll. Damit dies wieder möglich sein wird, arbeitet das BAKOM zusammen mit SWITCH an einer vereinfachten Zugriffsmöglichkeit für Journalistinnen und Journalisten in Form eines Akkreditierungssystems. Die vertieften Abklärungen dazu würden laufen. Noch ist unklar, wann ein solches System bereit sein wird.

Investigativ.ch bittet seine Mitglieder nun, Einsichtsgesuche zu stellen. Wir empfehlen für diese Gesuche folgende Formulierung:

Aus folgenden Gründen ist der Zugang zu den Personendaten für meine Recherche erforderlich: (….). Gemäss BAKOM stellt dies «ein legitimes Interesse nach Art. 46 Abs. 3 VID dar, das den Schutz der Halterin oder des Halters an den Daten überwiegt.»


Investigativ.ch wird zudem das Gespräch mit SWITCH suchen. Die Argumentation des BAKOM setzt die Hürde dafür, was als «legitimes Interesse» zu verstehen ist, deutlich tiefer an als die aktuelle Interpretation durch SWITCH.

Aufruf

Bitte meldet eure Gesuche und Gesuchsantworten von SWITCH an investigativ.ch via kontakt@investigativ.ch. Wir versuchen, die Erfahrungen zu sammeln und möglichst bald mit optimierten Musterformulierungen und zusätzlichen Hinweisen für erfolgreiche Gesuche weiterzuhelfen.

Werkstattgespräch zur Blausee-Recherche

Am 18.02.2021 um 19 Uhr via Zoom.

Es fängt mit toten Forellen an, die bäuchlings im grüntrüben Wasser versiechen, und hört (vorerst) mit einer veritablen «Müll-Mafia» auf. Mutmasslich über Jahre wurde im Steinbruch oberhalb des Blausees im Kandertal illegal giftiger Bauschotter abgelagert – unter anderem aus Baugruben aus der ganzen Schweiz. Doch die Geschichte, die die «Berner Zeitung», das Recherchedesk von Tamedia und die «Rundschau» von SRF, aufgedeckt und aufgearbeitet hat, findet wohl so schnell kein Ende. Die Rolle der zahlreichen involvierten Firmen sowie der Behörden ist noch nicht restlos geklärt und mittlerweile Gegenstand juristischer Ermittlungen. Wer wusste was? Wer drückte wo ein Auge zu? Der Rechercheverbund hat diese Fragen über Monate immer wieder gestellt. Die Hartnäckigkeit hat sich ausgezahlt: Seit September letzten Jahres doppeln die involvierten Zeitungen und die Rundschau immer wieder mit neuen Enthüllungen nach, die so langsam aber sicher Licht ins trübe Wasser bringen.

Im Werkstattgespräch von investigativ.ch geben die beiden Hauptrechercheure Marius Aschwanden von der BZ und Georg Humbel von der Rundschau nun erstmals einen Einblick in ihre Recherche und stellen sich euren Fragen.

Moderiert wird das Gespräch von investigativ.ch-Vorstandsmitglied Fiona Endres

Hier der Link zum Gespräch

Werkstattgespräch zu den Magglingen-Protokollen

Am 15.12. um 19 Uhr auf Zoom.

Seit langem nicht mehr hat eine Recherche im Sportbereich so viel Staub aufgewirbelt. Ende Oktober haben Christof Gertsch und Mikael Krogerus (Das Magazin) die sogenannten «Magglingen-Protokolle» veröffentlicht. Sie zeigen, wie an der idyllisch gelegenen Sportschule oberhalb des Bielersees jahrelang vor allem Mädchen und junge Frauen eingeschüchtert und erniedrigt wurden – und wie dieser Missbrauch auch dann noch kein Ende fand, als hohe Stellen im Spitzensport davon erfuhren. Wohl auch deswegen hat diese erschütternde Recherche jüngst zu Reaktionen auf oberster politischer Ebene und zu personellen Konsequenzen geführt. Die Debatte um unmenschliche Zustände und ungesunden Leistungsdruck im Spitzensport fängt jedoch gerade erst an.Im Werkstattgespräch, das von investigativ.ch organisiert wird und über Zoom stattfindet, geben die beiden Autoren Einblick in ihre beachtenswerte Arbeit. Sie erzählen, wie sie es geschafft haben, das Vertrauen der portraitierten Frauen zu gewinnen und geben Recherchetipps für das Publikum.

Moderiert wird das Gespräch auf Zoom von investigativ.ch-Vorstandsmitglied Fiona Endres.

Der Link zum Gespräch.

„Mener l’enquête“

Unser Mitglied Gilles Labarthe hat soeben eine Studie zu investigativem Journalismus in der Schweiz publiziert.

Quel est le comportement d’une équipe de tournage d’un film d’investigation TV confrontée à des refus d’accès aux sources? Quand et comment prend-elle la décision de recourir à la caméra cachée, à des pratiques «innovantes» ou même, «déloyales»? Quelles sont les principales stratégies et tactiques déployées pour faire face à des fonctionnaires réticents, aux nouvelles contraintes économiques et technologiques, aux risques d’uniformisation des médias? 

A travers une approche socio-ethnographique liant observation participante, entretiens semi-directs et récits de pratiques, ce livre propose d’étudier en détail l’évolution récente des «arts de faire» de l’enquête que les journalistes mobilisent, en tant qu’acteurs sociaux inscrits dans les relations triangulaires entre médias, pouvoirs (politiques, institutionnels, économiques…) et public.

L’auteur montre que les professionnel·le·s de l’investigation journalistique entretiennent une «nécessaire indétermination» autour de leurs pratiques. Ils recourent à des techniques d’enquête implicites, mouvantes et créatives; ceci, à la fois pour remédier aux désavantages d’une position précaire (manque de budget, de moyens…), pour contourner des problèmes d’accès aux informations gouvernementales, pour échapper à des tentatives de prise de contrôle sur leurs activités ou encore, plus récemment, pour déjouer les risques liés à la cybersurveillance.Gilles Labarthe propose de nouveaux éléments de compréhension sur le journalisme d’investigation et ses enjeux actuels, un champ de recherche qui n’avait encore jamais été exploré de manière approfondie en Suisse, sous cet angle. Il apporte aussi de nouvelles notions et des clés de lecture concernant la déontologie et les «fondamentaux» du métier, utiles aux cursus de formation professionnelle.   

Gilles Labarthe a un double parcours de chercheur scientifique et de journaliste indépendant (collaborateur pour La Liberté, Le Courrier, cofondateur de DATAS agence de presse). Auteur de livres et de films documentaires d’enquête, il est docteur en Journalism & Media Studies (Université de Neuchâtel). Il intervient aussi comme chargé de formation.

Der Goldene Corona-Sonder-Bremsklotz 2020 geht ans Seco

Hartnäckig weigerte sich das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Daten über die Corona-Kredite herauszugeben. Dafür wird das Wirtschaftsamt des Bundes von investigativ.ch, dem Netzwerk von Schweizer Recherche-Journalisten, mit dem Schmähpreis «Goldener Bremsklotz» ausgezeichnet.

Trotz einer eindeutigen Empfehlung des Öffentlichkeitsbeauftragten des Bundes hatte sich das Seco geweigert, beim Corona-Kreditprogramm Transparenz herzustellen. Die Umweltorganisation Greenpeace hatte Zugang zu Daten über die Kreditvergabe an 100 000 Firmen im Umfang von 17 Milliarden Franken verlangt. Weil die Behörde bis heute nicht bereit war, Informationen selbst in pseudoanonymisierter Form zugänglich zu machen, bleibt vieles über das historische Kreditprogramm im Dunkeln.

Die Mitglieder von investigativ.ch wählten das Seco aus einer Liste mit weiteren Vorschlägen: «Mister Corona» Daniel Koch war unter anderem nominiert, weil er in der Anfangsphase der Corona-Pandemie den Nutzen von Gesichtsmasken systematisch kleinredete. Weiter nominiert war das Bundesamt für Gesundheit (BAG). Dieses war nicht in der Lage, Zahlen zur Pandemie rasch und verlässlich zur Verfügung zu stellen. Die Zollverwaltung war Kandidatin für den Schmähpreis, weil sie sich über ihre Bussenpraxis während der Corona-Pandemie in Schweigen hüllte.

Für Georg Humbel, Vorstandsmitglied von investigativ.ch ist die Wahl des Seco zwar überraschend. Der Fall zeige aber exemplarisch, wo auch Schweizer Medienschaffende in ihrem Recherche-Alltag auflaufen würden. Sie seien immer wieder mit einer «ganz normalen, unspektakulären Informationsverhinderung» konfrontiert.

In einer Stellungnahme gegenüber investigativ.ch schreibt das Seco, es sei zum Zeitpunkt des Gesuchs nicht im Besitz der angefragten Daten gewesen, und «selbst wenn wir sie gehabt hätten, nicht herausgeben dürfen». Firmengeheimnisse seien betroffen. Das Amt lehnt die Entgegennahme des Schmähpreises ab.

Mit der Vergabe dieses Goldenen Bremsklotzes – seinem achten – verabschiedet sich Georg Humbel aus dem Vorstand von investigativ.ch. Zudem tritt Serena Tinari nach fünf Vorstandsjahren als Präsidentin zurück. Sie bleibt dem Netzwerk im Beirat erhalten.

Neu wählte der Verein Cathrin Caprez und Marc Meschenmoser ins Co-Präsidium. Meschenmoser wird sein Amt im Frühsommer antreten. Bis dahin übernimmt Cathrin Caprez die Leitung des Vereins. Sie wird dabei von Vize-Präsident Martin Stoll (Sonntagszeitung, Öffentlichkeitsgesetz.ch) unterstützt. Caprez ist studierte Chemikerin und arbeitet bei Radio SRF als Wissenschaftsjournalistin. Neu in den Vorstand gewählt wurde ausserdem Tamedia-Datenjournalist Timo Grossenbacher.

Die Verleihung des Goldenen Bremsklotzes fand dieses Jahr im Rahmen einer digitalen Jahrestagung statt. «Recherchieren – jetzt erst recht» lautete das Motto. Die Veranstaltung wurde mit Unterstüzung von Unicam, dem Studierenden TV der Uni Fribourg aus dem Werkhof in Fribourg ins Internet gestreamt. Journalistinnen und Journalisten in der ganzen Schweiz verfolgten einen Workshop des schwedischen Investigativjournalisten Nils Hanson zum Thema Fakten-Check sowie eine Podiumsdiskussion zum Thema «Recherchieren in Zeiten von Corona». Es diskutierten Lise Bailat, (Bundeshauskorrespondentin 24heures, La Tribune de Genève und Le Matin Dimanche), Bernhard Odehnal (Recherche-Desk Tamedia), sowie der freie Journaliste Sami Zaïbi, der für Heidi.news monatelang eine Gruppe Verschwörungstheoretiker infiltriert hatte. 

Die Nominierten für den Corona-Sonderbremsklotz 2020

Daniel Koch

Mr. Corona hat in der Maskenfrage und bei seinem Wechsel ins Beraterbusiness höchst intransparent kommuniziert

Mr. Corona hat in der Maskenfrage zwar nicht gelogen. Aber er hat auch nicht die ganze Wahrheit gesagt. Er hat in der Anfangsphase der Pandemie den Nutzen der knappen Hygienemasken ganz offensichtlich systematisch und bewusst «kleingeredet». Damit hat Daniel Koch sogar dem Pandemieplan seines eigenen Amtes widersprochen: Dort steht, dass Masken das «allgemeine Infektionsrisiko» senken. Eine transparente Kommunikationsstrategie geht anders. Höchst intransparent war auch Kochs Wechsel vom Chefbeamtensessel zum Unternehmer. Schon auf dem Höhepunkt der Pandemie liess Daniel Koch die Webadresse Danielkoch-consulting.ch registrieren. Einen Monat später trat Koch – damals noch als Chefbeamter – im Fernsehen auf und riet dem Bundesrat, Sportveranstaltungen mit mehr als 1000 Zuschauern möglichst bald wieder zu erlauben. Zwei Wochen später gab Eishockeyclub SC Bern bekannt, Koch als Berater engagiert zu haben. Daniel Koch hat sich bei seinem übergangslosen Wechsel ins Beraterbusiness intransparent verhalten.

Das Bundesamt für Gesundheit

Das Bundesamt für Gesundheit schafft es bis heute nicht, maschinenlesbare Daten zeitnah zu veröffentlichen.

Dank Corona wurde auch dem Hinterletzten klar, wie wichtig gute Daten für die Bekämpfung einer Krise sind. Selten zuvor war das Interesse der Bevölkerung an aktuellen und fein aufgegliederten Zahlen so hoch. Nicht zuletzt auch für Journalistinnen und Journalisten, die für ihre Visualisierungen und Ticker auf stetig aktualisierte Zahlen angewiesen waren. Und hier hat das BAG fundamental versagt: Bis heute hat es die federführende Behörde nicht geschafft, maschinenlesbare, zuverlässig aktualisierte und gleichzeitig gut dokumentierte Datensätze zu veröffentlichen. Auf der Klimax der ersten Welle wurden die Daten noch in schlecht verarbeitbaren PDFs veröffentlicht, irgendwann schaltete das Amt dann auf Excel-Dateien um, deren Format es aber ständig wieder änderte. Digitalisierung sieht anders aus. Zahlreiche Appelle aus Journalismus und Wissenschaft verliefen im Sand und externe Hilfsangebote stiessen auf taube Ohren. Das ist nichts anderes als Informationsverhinderung – ob gewollt oder nicht.

Die Eidgenössische Zollverwaltung

Die Eidgenössische Zollverwaltung hat Bussen ohne Rechtsgrundlage verhängt und weigert sich das entscheidende Dokument herauszurücken

Hurra! Hat sich wohl die eidgenössische Zollverwaltung gesagt, als der Bundesrat im April die Grenze schloss. Endlich wieder ran an die Arbeit! Und sie machte sich etwas gar eifrig ans Werk. Eigenständig entschied sie, auch Schweizerinnen und Schweizern die Besuche über die Grenze zu verbieten – und verteilte Bussen an sie. Dabei berief sich die Behörde auf die bundesrätliche Covid-Verordnung. Diese lieferte aber keine rechtliche Grundlage für einen solch schwerwiegenden Eingriff in die Freiheit der Bürgerinnen und Bürger. Die Bussen seien illegal, monierten deshalb namhafte Rechtsgelehrte. Das bestreitet die EZB bis heute – gleichzeitig weigert sich die Zollverwaltung hartnäckig den entscheidenden Dienstbefehl an die Grenzwache öffentlich zu machen, mit dem Argument, er enthalte sicherheitsrelevante Informationen. Das überzeugte den eidgenössischen Datenschutzbeauftragten EDÖB aber nicht. Er empfahl in einem Schlichtungsverfahren der Zollverwaltung, das Dokument herauszugeben. Sie stellt sich weiterhin auf stur. Der Dienstbefehl an die Grenzwache war aber die Basis für die umstrittenen Bussen. Damit beisst sich die Katze in den Sack. Die Zollverwaltung macht es unmöglich, ihre Arbeit zu kontrollieren.

Das SECO

Das SECO weigert sich hartnäckig offenzulegen, welche Branchen von den Corona-Milliarden profitieren   

Es geht um eine unglaublich grosse Summe Geld: Schweizer Banken haben Corona-Kredite in der Höhe von rund 17 Milliarden Franken ausbezahlt. Dafür bürgt fast vollumfänglich der Bund. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace wollte wissen, ob diese gigantischen Summen auch an Branchen fliessen, die klimaschädlich sind. Und verlangte deshalb Einsicht in die Daten der Corona-Kredite. Das SECO mauerte: Es habe diese Daten gar nicht. Diese Daten würden von den Bürgschaftsorganisationen verwaltet und diese seien nicht dem Öffentlichkeitsgesetz unterstellt, so das SECO. Diese Argumentation sei «Nicht überzeugend» fand der Öffentlichkeitsbeauftrage des Bundes, Adrian Lobsiger. Das Amt solle die Daten offenlegen. Das SECO wiederum zeigte sich damit «nicht einverstanden». Mittlerweile musste die Behörde sogar einräumen, dass es die umstrittenen Daten sehr wohl selber auch hat – um Missbräuche zu bekämpfen. Aber nun meinte das SECO, die Anfrage widerspreche dem Bankgeheimnis. Besonders absurd: Auf der eigenen Homepage veröffentlicht das SECO unter dem Titel «für die Medien» allerlei Grafiken, die auf den gesperrten Daten beruhen. 

Derzeit läuft die Abstimmung unter den Mitgliedern von investigativ.ch. Am 30.10. wird der Bremsklotz feierlich am investigativ.ch-Jahrestreffen überreicht. Willst Du digital dabei sein? Melde Dich hier an!

Das Jahrestreffen

Es war ein harziges Jahr – auch für Investigativ.ch . Unsere im Mai geplante Konferenz mussten wir virusbedingt abblasen, Workshops wurden trotz dem heissen Sommer aufs Eis gelegt. 

Doch ganz vermiesen lassen wir uns dieses Jahr nicht. Es freut uns sehr, dass wir nun doch noch ein Jahrestreffen veranstalten können: Am 30.10. in Fribourg. 

Die Veranstaltung wird den Umständen angepasst sein, das heisst wir werden alles streamen. Und weil dieses Jahr so harzig war, heisst das Motto des Jahrestreffens:  «Recherchieren ­– dringender denn je!»

PROGRAMM

Um 14 Uhr startet das Jahrestreffen mit den Resultaten der elektronischen Mitgliederversammlung (wer noch nicht geklickt hat: Hier gehts zu Unterlagen und Abstimmung. Falls Ihr das Passwort aus unserem letzten Mail nicht mehr findet, bitte ein Mail an kontakt@nospam-investigativ.ch).

Um 14.20 Uhr dürfen wir den schwedischen TV-Profi Nils Hanson begrüssen. Sein Thema: «Bulletproofing your Story». In seinem Workshop lernen wir, wie die von ihm entwickelten «line-by-line» Überprüfung funktioniert. Hanson ist Investigativ-Journalist beim Schwedischen Sender SVT und war von 2003 bis 2018 Chefredaktor von «Mission Investigate», eine preisgekrönte Sendung, für die er weiterhin arbeitet. 

 Um 15.40 Uhr folgt eine Podiumsdiskussion zum Thema «Recherchieren in Zeiten von Corona». Zu Gast haben wir Lise Bailat, die als Bundeshauskorrespondentin von 24heures, La Tribune de Genève und Le Matin Dimanche unzählige Corona-Pressebriefings miterlebt hat; Bernhard Odehnal, Recherche-Desk Tamedia und Co-Autor von «Lockdown» ; sowie der freie Journalist Sami Zaïbi, der für Heidi.news monatelang eine Gruppe Verschwörungstheoretiker infiltriert hat. Die Diskussion ist zweisprachig, moderieren wird unser Vorstandsmitglied Ariane Gigon.

Weiter geht es um 16.40 Uhr mit der Verleihung des Goldenen Bremsklotzes 2020– in einer Corona-Spezialausgabe. In den nächsten Tagen folgt ein Mail zur Abstimmung für den Goldenen Corona-Bremsklotz.

 ANMELDUNG

Unser gesamter Jahrestreff wird digital übertragen. Das Team von Unicam,  dem Studierenden-TV der Uni Fribourg wird uns beim Filmen und Streamen aus Fribourg unterstützen. Wer dennoch live dabei sein möchte – mit Abstand, Schutzkonzept und Maske –  kann sich hier anmelden. Die Zahl der Teilnehmenden werden wir  begrenzen.

Wir bitten euch um Anmeldung bis 25.10. , ob ihr vorbeikommt oder digital teilnehmt: Hier findet Ihr das Formular.

Wir freuen uns auf Euch!