Rückblick auf die Jahreskonferenz 2026
Crans-Montana, Gaza, Epstein-Files: Krisen und Katastrophen stellen den Journalismus vor besondere Herausforderungen. Wie lässt sich unter Zeit- und Konkurrenzdruck verlässlich recherchieren? Wie arbeitet man verantwortungsvoll in Ausnahmesituationen? Diesen Fragen widmeten wir uns an der diesjährigen Jahreskonferenz am 1. Mai in Bern.
Fotos: Ⓒ Raphael Hünerfauth
Zum Nachdenken regte bereits die Keynote von Dennis Winter an: Wie erreichen wir insbesondere ein jüngeres Publikum mit investigativen Recherchen? Der Journalist und Formatentwickler aus Deutschland – aktuell bei SRF – widmet sich kreativen Ansätzen und plädierte für mehr Kooperationen. Medienschaffende müssten nicht zu Newsfluencern werden – jedoch mit ihnen zusammenarbeiten.

Als Einstieg in unser Hauptthema – Recherchieren in Ausnahmesituationen – begannen wir dieses Jahr direkt mit der Podiumsdiskussion. Darin ging es um das Thema, das die Schweiz seit Anfang Jahr am meisten beschäftigt: die Brandkatastrophe von Crans-Montana.
Ludovic Rocchi vom Pôle enquête der RTS, Leo Eiholzer von der NZZ am Sonntag und Susan Boos vom Schweizer Presserat diskutierten mit Anielle Peterhans (Recherchedesk Tamedia und Vorstand investigativ.ch), wie Medien in Ausnahmesituationen arbeiten – und wo Fehler, Grenzen und Lehren liegen.
Angemerkt sei hier, dass auch je ein Vertreter der Walliser Lokalzeitung Le Nouvelliste sowie des französischen Nachrichtensenders BFM TV eingeladen waren, sie ihre Teilnahme jedoch bedauernswerterweise kurzfristig abgesagt haben.

Wer wollte, konnte das Thema Crans-Montana in zwei Workshops weiter vertiefen: Die RTS-Journalisten Fabiano Citroni und Ludovic Rocchi erzählten, wie sie zu Crans-Montana recherchieren, wie sie mit Justizdokumenten umgehen und wo sie das öffentliche Interesse sehen – und wo nicht.

Anwältinnen und Anwälte spielten bei den Enthüllungen zu Crans-Montana eine wichtige, wenn auch zwiespältige Rolle. In einem weiteren Workshop gaben die Rechtsanwälte Matthias Seemann (Rechtsdienst Tamedia und 20 Minuten) und Patrick Krauskopf (Experte für Litigation-PR) einen Einblick, wie vertrauliche Dokumente aus laufenden Verfahren an die Medien gelangen und welche Interessen dahinterstehen.

Doch nicht nur um Crans-Montana ging es an der Jahreskonferenz: Die NZZ-Journalisten Forrest Rogers und Eike Hoppmann zeigten, wie sie sich durch die komplexen Datensätze der Epstein-Files gearbeitet, welche relevante Verbindungen sie identifiziert und wie sie ihre Recherche aufgebaut haben – und welche Tools dabei unverzichtbar waren.

Sehr berührend war das Werkstattgespräch mit der ägyptisch-palästinensischen Journalistin Youmna El Sayed. Sie erzählte eindrücklich, wie sie als Korrespondentin für Al Jazeera English aus dem Gaza-Krieg berichtet hatte, bevor sie vor zwei Jahren nach Ägypten flüchtete.
Sie zeigte auf, welche Herausforderungen internationale und lokale Medien bei der Kriegsberichterstattung erleben, was das mit ihr (und ihrer Familie) gemacht hatte und warum sie der internationalen Berichterstattung über Gaza kritisch gegenübersteht (ein Interview mit ihr wurde zudem in der SRF-Sendung Echo der Zeit ausgestrahlt).

Viele der Diskussionen der Jahreskonferenz wurden am anschliessenden Apéro vertieft. Die Gelegenheit für Reflexion, Austausch und Vernetzung kommt im strengen Redaktionsalltag manchmal zu kurz. Anlässe wie der unsrige sollen Raum dafür bieten – und immer wieder in Erinnerung rufen, warum tiefgründiger Recherchejournalismus wichtig ist.







